Rückwärtslaufende Spieluhren und das Gefühl von Nichts.
Text: rose | 5 5 Kommentare | 5 5 Lesenswertpunkte | Rose | Leben | 14.02.2012 12:19  


Gleichschaltung auf allen Kanälen. Character ist aus. Vergesst Eure Ideale. Träume werden immer mehr nur Träume bleiben.

Als ich jung war, habe ich noch an das Gute geglaubt. Vielleicht bin ich aber auch schlichtweg falsch erzogen worden. Ich kann es nicht mehr ertragen. Die ewige gleich Macherei. Sag nicht was Du denkst, sonst schneiden sie Dir die Luft ab. Sag nicht was Du sagen willst, sonst bist Du raus.

Was ist denn bitte plötzlich los? Was ist passiert? Ich habe doch keine 500 Jahre geschlafen. Doch in den letzten Monaten vollzieht sich ein beängstigender Wandel. Wie ein kalter Wind. Es geht durch alle Straßen und Gassen. Sag nicht was Du denkst. Sag es nicht, es ist nicht gut. Verstecke Dein ich im Keller, grab ein Loch, schmeiß es hinein. Sag nichts. Denk nichts. Es ist vorbei.

Die grauen Männer aus Momo sind in die Realität übergegangen, sie stehlen aber nicht nur die Zeit, nein sie verbieten langsam oder sicher, jeden Anflug von Sein. Keine Warnung hat geholfen. Die Sonne wird immer kälter werden. Wenn alles andere vorher einmal die Hölle war, wird es nun nur noch schlimmer. Ich sehe kein Ende mehr. Es ist nur dunkel und schwarz. Man fällt und sehnt sich nach dem Aufprall. Aber er kommt nicht. Der erlösende Aufprall am Ende. Ewiges Fallen ist schlimmer als hartes Aufprallen. Wenn man da liegt am Boden, liegt man wenigstens da.

Freier Fall in absolute Dunkelheit und unten wartet nicht einmal der Teufel auf einen. Sondern nur das Nichts.

Im Traum geht man Rückwärts. Spieluhren summen durch das Nichts. Die Sonne zieht über den Horizont. Zeit. Vorwärts. Rückwärts. Gestern. Morgen. Heute. Was wird sein? Was gewesen ist? So viel. Zu viel. Vielleicht mehr, als man fassen kann. Und doch muss da noch mehr sein.

Aber gerade wird alles kalt. Träume sollen nur noch Träume bleiben. Schließt die Augen und reicht mir Eure Hände. Haltet mich fest. Bevor ich falle. Dann kann ich nicht mehr sein. Zwischen hier und jetzt, dem gestern und dem morgen da ist nur nichts. Es dauert Millionen von Jahren durch das Nichts von gestern nach morgen.

Der Mond scheint hell. Wie wird der nächste Tag? Wird der freie Fall ein Ende haben? Taghell und dennoch dunkel. Das Nichts. Ich kann es spüren.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/489935